Ach, hätten sie doch Deutsch gelernt, sie wären noch am Leben!

Ich brauchte ein Grimm-Zitat auf Englisch, und zwar “Siebene auf einen Streich!” Diese vier Wörter ins Englische zu übersetzen, ist ja keine große Kunst, aber wie bei Klassikern üblich, sieht man zuerst mal in vorhandene Übersetzungen und bedient sich ihrer, denn meistens sind berühmte Zitate ja in der Zielsprache auch schon geflügelte Worte. Das Projekt (Project) Gutenberg ist in Sachen Grimm gut sortiert. Aber bei genauerem Hinsehen war da doch ein kleiner, feiner Unterschied in Original und Übersetzung:

[...] Indes stieg der Geruch von dem süßen Mus hinauf an die Wand, wo die Fliegen in großer Menge saßen, so daß sie herangelockt wurden und sich scharenweis darauf nieder ließen. »Ei, wer hat euch eingeladen?« sprach das Schneiderlein und jagte die ungebetenen Gäste fort. Die Fliegen aber ließen sich nicht abweisen, sondern kamen wieder. Da lief dem Schneiderlein endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber, es langte aus seiner Hölle nach einem Tuchlappen und: »Wart, ich will es euch geben!« schlug es unbarmherzig drauf. Als es abzog und zählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streckten die Beine. »Bist du so ein Kerl?« sprach es und mußte selbst seine Tapferkeit bewundern, »das soll die ganze Stadt erfahren.« Und in der Hast schnitt sich das Schneiderlein einen Gürtel, nähte ihn und stickte mit großen Buchstaben darauf: »Siebene auf einen Streich!« [...] Quelle: http://gutenberg.spiegel.de/buch/6248/169

In the meantime the smell of the sweet jam rose to where the flies were sitting in great numbers, and they were attracted and descended on it in hosts. ‘Hi! who invited you?’ said the little tailor, and drove the unbidden guests away. The flies, however, who understood no German, would not be turned away, but came back again in ever-increasing companies. The little tailor at last lost all patience, and drew a piece of cloth from the hole under his work-table, and saying: ‘Wait, and I will give it to you,’ struck it mercilessly on them. When he drew it away and counted, there lay before him no fewer than seven, dead and with legs stretched out. ‘Are you a fellow of that sort?’ said he, and could not help admiring his own bravery. ‘The whole town shall know of this!’ And the little tailor hastened to cut himself a girdle, stitched it, and embroidered on it in large letters: ‘Seven at one stroke!’ ‘ [...] Based on the translation of Edgar Tailor and Marian Edwardes 

Ein Vergleich fördert Interessantes zutage. Das Schneiderlein ruft keinen Dolmetscher hinzu, um die Plagegeister über die Ursache seines Unmuts in Kenntnis zu setzen. Dumm, wie er ist (dumm wie Brot? Nein, wie Mus!) erwartet er offenbar, dass sie ihn auch so für voll nehmen. Die Übersetzer (oder das Lektorat?) haben das Problem erkannt und liefern dem geneigten Leser englischer Zunge ungefragt eine plausible Erklärung: Die Fliegen konnten ja gar kein Deutsch! Seltsam nur, dass das Schneiderlein (the little tailor) bei ihnen  ja auch kein Deutsch gesprochen hat. Was lernen wir daraus? Fliegen können auch kein Englisch.

Nachtrag:

Ich nehme zwar nicht alles zurück, aber doch einen Teil. In dieser ebenfalls deutschen Quelle steht auch: “Die Fliegen aber konnten kein Deutsch …” Allerdings sprach der Schneider ja in der englischen Fassung Englisch und ward abermals nicht verstanden. Mit den bekannten Konsequenzen.

7 Kommentare

Eingeordnet unter Übersetzung, Bücher, literarische Übersetzung aus dem Deutschen, Märchen, Märchenfloskeln

7 Antworten zu “Ach, hätten sie doch Deutsch gelernt, sie wären noch am Leben!

  1. Pingback: Warten auf den Fuchs | Übersetzen und Literatur, doch nicht nur

  2. Pingback: Ein grimmer Schnitter, äh, Schneider … | Übersetzen und Literatur, doch nicht nur

  3. … aber wie bei Klassikern üblich, sieht man zuerst mal in vorhandene Übersetzungen und bedient sich ihrer …
    Wäre das schön. Und wer darf’s ausbaden, wenn nicht? Die Lektorin.

    Ein schöner Fund jedenfalls!

    Gefällt mir

    • Ich verstehe nur Bahnhof. Wann muss die Lektorin was ausbaden und wieso?

      Gefällt mir

    • Ach, ich lese nur gerade einen Text korrektur, in dem ich alle Zitate noch mal recherchieren und die gängigen Übersetzungen finden muß. Und es sind viele. Und meine Geduld neigt sich dem Ende zu …
      Wollte sagen: Nicht jeder Übersetzer folgt Deiner schönen Sitte.

      Gefällt mir

    • Dann weißt Du ja, wie zeitraubend so eine Recherche sein kann. Bei den kümmerlichen Honoraren für solche Übersetzungen denkt sich offenbar so mancher, dass diese Extraarbeit einfach “nicht drin” ist. Es drückt ja den Stundenlohn noch weiter nach unten. Alte Übersetzerweisheit: For peanuts you get monkeys. Allerdings gibt es schon manche Verlage, die für die Recherche zu zahlen bereit sind.

      Gefällt mir

  4. Philipp Elph

    Nun habe ich nicht noch einmal das Tapfere Schneiderlein durchgelesen, aber was wäre wenn?
    Wenn im Märchen ein Hinweis auf den – geographischen – Ort der Handlung darauf hinweisen würde, dass das tapfere Schneiderlein seine Heldentat im deutschen Sprachraum vollbracht hätte – welche Sprache hätten dann die Fliegen in der englischen Übersetzung des Märchens verstehen müssen, um den bekannten Konsequenzen entkommen zu können.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s