Monatsarchiv: Juni 2012

Ein Bild ist teurer als tausend Worte

Grund zur Panik?

Gerade hat eine Literaturübersetzerin eine Abmahnung von einem großen amerikanischen Unternehmen erhalten, weil sie ein Bild auf Ihrer Website ohne Lizenz von ebendieser Firma veröffentlicht hat. Es handelt sich um eine Firma, deren Namensgeber ein Milliardär war, der Nachname fängt mit G an, ist zweisilbig und hört mit y auf. Zweiter Bestandteil des Firmennamens ist das englische Wort für Bilder. Alles klar, oder? (Ich will die Abmahnroboter ja nicht mit Gewalt auf meine Seiten locken.)

Das Problem ist nun, dass es sich um ein Buchcover handelt. Das wäre ein todsicherer Tipp für besagtes Unternehmen, weitere Milliarden zu scheffeln, denn nur die betreffenden Verlage und Amazon werden in der Regel eine Lizenz für die Veröffentlichung der Cover erwerben, nicht die unzähligen Hobby- und Profirezensenten, AutorInnen, ÜbersetzerInnen, Büchernarren …

Sollte ich nun das sonnigste aller bisherigen Wochenenden damit verbringen, sämtliche Titelbilder meiner bisherigen Übersetzungen zu durchforsten, ob sie eventuell ursprünglich aus dieser Quelle stammen?  Das zweite Problem sind offenbar die Avatarbildchen von Blogkommentaren. Eine Bloggerin wurde von G… abgemahnt, weil ein Kommentator ein winziges Katzenbildchen als Profilbild wählte. Da soll einer erstmal drauf kommen!

Mehr dazu fördert eine Suche mit dem Namen G… + Abmahnung zutage.

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Das unfeine Miezchen samt Rüssel statt Ring

Wie ich erst unlängst wieder schrieb, sind Nursery Rhymes und Nonsensverse meine liebste Spielwiese. Nicht von ungefähr ist mein Gravatar für dieses Blog ein Herz mit Katze und Eule. Irgendwas muss ich mir doch dabei gedacht haben? Ob es jemand errät?

Wenn ich mir meine Übersetzungen immer aussuchen könnte, würde ich mich von morgens bis abends nur mit diesem Genre beschäftigen. Aus dem Kollegenkreis bekomme ich daher oft Verslein zugesteckt, die zu ihrem Leidwesen in ihren zu übersetzenden Prosatexten zitiert werden, zu meinem Leidwesen aber so gut wie nie in meinen Übersetzungen auftauchen. Ach, könnten wir doch tauschen!

Ein paar meiner Fingerübungen habe ich als Leseproben auf meine Website gestellt und zum Teil auch in diesem Blog zitiert, als Beispiele für meine Wunschübersetzungen.  Man wird ja noch träumen dürfen …

Was ich mir allerdings nicht hätte träumen lassen, ist die böse Überraschung, die mir ausgerechnet ein für seine kulturellen Programme hochgelobter europäischer Fernsehsender bereitet. Ich selbst habe keinen Apparat, aber eine Übersetzerkollegin schickte mir heute einen Link zur Mediathek des Senders, weil in dem Film auch das berühmte Gedicht The Owl and the Pussy-Cat rezitiert wird, nebst deutscher Übersetzung in Untertiteln. Natürlich war ich gespannt auf eine weitere deutsche Version meines Lieblingsgedichts. Und dann rieb ich mir verwundert die Augen. Margaret Rutherford und ihre Freundin tragen das Gedicht vor, und als Untertitel lese ich in 27 Bildeinstellungen Zeile für Zeile meine eigene Übersetzung. Nur dass an fünf Stellen kleine, aber entstellende Eingriffe vorgenommen wurden. Verschlimmbesserungen nennt man das wohl.

Es soll ja immer noch Privatpersonen geben, die unbekümmert Guttenberg spielen und angeblich nicht wissen, dass ohne freundliche Genehmigung eines Urhebers nichts kopiert oder als eigenes Werk ausgegeben werden darf. Aber ein Fernsehsender? Mein Name ist im Zusammenhang mit diesem Gedicht problemlos im Internet zu finden, ich habe mich nicht versteckt.

Besonders ärgern mich die oben erwähnten Verhunzungen an fünf verschiedenen Stellen im Gedicht. Das Gedicht, das auch vertont wurde und daher gleichzeitig ein Lied ist, gerät dadurch wiederholt aus dem Takt, vulgo, es holpert.

Wir erinnern uns:  Der Kauz bringt der angebeteten Katze ein Ständchen und schmachtet sie dabei an:

Der Kauz sah zu den Sternen empor
Und sang zum Klang der Laute,
“O holde Mieze, Feinsmiezchen mein,
O meine holde Braute …” 

und so weiter und so fort, mehr davon an anderm Ort.

Was aber verschlimmbessert der Textdieb? (Etwaige Frauen sind mitgemeint.)

Er meuchelt mir mein altmodisch-romantisches Feinsmiezchen, das doch so offensichtlich eine Anlehnung an das Feinsliebchen ist (hollahi, hollaho):

Nun lies das doch mal laut! Das holpert doch – aua! Außerdem hat nicht irgendein Unbekannter an meiner Übersetzung herumzupfuschen. Ich mache das doch auch nicht.

Meine Übersetzung war genau dem Original “O lovely Pussy, Pussy my love” nachgebildet. “Feines Miezchen mein” hat wieder eine Silbe zu viel.

Kommen wir nun ins Land, wo der Bongbaum wächst:

Und dort im Wald stand wie verhext
Ein Schweinchen mit Ringlein im Rüssel,
Ein Ring
Ein Ring
Ein Ring hing an seinem Rüssel.

Der einsilbige Ring mutiert im geklauten Untertitel zum zweisilbigen Rüssel:

Nichts gegen Rüssel, nose heißt Nase, das hab ich auch schon rausgefunden und dass eine Schweinenase ein Rüssel ist, lässt ja auch schon meine vorige Zeile vermuten. Aber das hier war meine Übersetzung – da hat nicht irgendein Unbekannter … s. o.

Ring, Ring, weil es ringt und klingt und einsilbig ist, genau wie nose und den Einsilbern traut, Hand, Schein  in den anderen Versen entspricht und ich das so und nicht anders gewollt habe! Man kann jederzeit eine neue Übersetzung des Gedichts schreiben, Edward Lears Original ist ja gemeinfrei. Aber meine Übersetzung gehört mir, und mich hat keiner gefragt.

Dritter Vers:

“Liebes Schwein, dein Ringelein fein -
Verkauf’s uns!” – “Gern”, quiekte das Schwein.
 

Das mutiert zu:

 

Das darf doch nicht wahr sein! Da habe ich so viele Versionen geschrieben und an diesem Text herumgefeilt, bis ich endlich zufrieden war, und dann kommt jemand daher und lässt es holpern. “Verkauf es uns!” passt nicht zum Versmaß, verflixt und zugenäht. Was soll das werden – dichten für Anfänger? Wieder eine überflüssige Silbe – grrr!

Auch der letzte Vers musste natürlich noch schnell verballhornt werden.

 So tanzten die beiden im Schein
Im Schein
Im Schein
Im silbernen Mondenschein.
 
 

Klar, man kann auch was mit Mond in der ersten Zeile dichten, statt wie ich sich langsam vom Schein zum silbernen Mondenschein vorzuarbeiten. Dies hier ist allerdings mein Gedicht, das steht dafür nicht zur Verfügung. Reimt Euch doch selbst was nach eigenem Gusto zusammen. Wenn es wenigstens “Im Schein des Monds” statt “Mondes” wäre – So ist es schon wieder eine Silbe zu viel und holpert.

Der langen Rede kurzer Sinn: Ich bin stinksauer.

Aber wahrscheinlich guckt wieder kein Schw… sicher hat das niemand gemerkt.

Die Textbilder sind Ausschnitte aus den Screenshots, die ich aus dem übrigens sehr sehenswerten Film Die wahre Miss Marple gemacht habe. Ich gehe davon aus, dass ich nicht das Urheberrecht des Senders verletze, da nur mein eigener, wenn auch zum Teil  verballhornter Text darauf zu erkennen ist. Vielleicht entschließt sich der Moderator auf der Website des Senders ja irgendwann dazu, meine Kommentare in der Mediathek freizuschalten?

Nachtrag: Da sticht mir ein weiterer Schnitzer ins Auge, gleich am Anfang.

Lear reimte:

The owl and the pussy-cat went to sea
In a beautiful pea green boat
 

Ich meinte:

Der Kauz und die Katze stachen in See
Im schmucken erbsgrünen Boot
 

Der Textdieb lässt den ästhetischen Aspekt ins Wasser fallen und verschlimmbessert schlicht:

Tja, “in einem erbsgrünen Boot” wäre in Ordnung, bei “im erbsgrünen Boot” ist leider wieder eine Silbe über Bord gegangen und bringt das Boot zum Schaukeln. Ist dieses Pfusch, so hat es doch Methode.

“Wer hat mein Lied so zerstört, Ma? Wer hat mein Lied so zerstört?”

2. Nachtrag von Freitag, dem 22. Juni

Interessant: Der mittlere meiner drei Kommentare, die ich letzten Dienstag auf der Website von arte hinterlassen habe, wurde jetzt doch freigeschaltet. Der erste enthielt explizit das Wort “Urheberrechtsverletzung”. Das war wohl nicht genehm.

3. Nachtrag:

Jetzt ist alles wieder verschwunden.

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Wie funktioniert das eigentlich mit der VG Wort?

rebloggt von Wortakzente:

Eine der Möglichkeiten, als Blogger ein wenig Geld zu verdienen, ist die Anmeldung der Artikel bei der VG Wort. Das Verfahren scheint auf den ersten Blick ein wenig kompliziert zu sein und schreckt deswegen viele ab. Wenn man aber erst einmal die ersten Artikel gemeldet hat, stellt man schnell fest, dass man Routine bekommt und alles halb so wild ist.

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Eine gute Frage - sehr anschaulich beantwortet in diesem Blogeintrag von "Wortakzente". Vielen Dank!

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Der Grausstieg

Nicht nur Münzen werden bekanntlich geprägt, sondern ständig auch neue Begriffe. Im jüngsten Fall – Grexit – fällt beides zusammen, d. h. ein Ausstieg Griechenlands aus dem Euro hätte automatisch die Einstellung der Münzprägung in der betroffenen Region zur Folge. Ob es so weit kommt, steht noch in Sternen, der englische Begriff geistert dagegen schon munter durch das Netz. Ich befürchte, dass er wie in den meisten Fällen einfach so aus dem Englischen übernommen wird, obwohl doch “Grausstieg” eine logische deutsche Übersetzung wäre, in Analogie zum “Atomausstieg” und zum “Ausstieg aus dem Ausstieg”. Ein gut verständliches deutsches Wort, um nicht zu sagen, ein besonders griffiger Begriff, der nicht wie das englische exit an den Tod (Exitus) gemahnt.  Einen emotionalen Unterschied zwischem dem Atomausstieg und dem Grausstieg liegt allerdings klar auf der Hand. Ersterer beruhigt (mich zumindest sehr), aus Letzterem schwingt das kalte Grausen vor einer ungewissen Zukunft Europas mit.

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Ein grimmer Schnitter, äh, Schneider …

… ist der Fliegen Tod.

Karnevalsumzug: Die Bücherwürmer im Euopäischen Übersetzerkollegium, Straelen

Die Bücherwürmer     Foto: EÜK
(Zum Thema Grimm-Übersetzungen im Europäischen Übersetzerkollegium, Karnevalsumzug Straelen)
 

Wie negativ (Untertreibung) sich mangelnde Deutschkenntnisse auswirken können, hatte ich schon hier erläutert. Daraufhin wurde ich gebeten, mich doch aus aktuellem Anlass (Stichwort Grimm-Jahr) zum Thema Grimm-Übersetzung im Kinderbuchmagazin “Eselsohr” zu äußern. Das tapfere Schneiderlein erwies sich in seinem Kampf um den Mustopf als dankbares Objekt für allerlei Lokalisierungsvergleiche. Aber was wäre es ohne die Fliegen? Ein Niemand. The little man who was not there. (Or wouldn’t have been.) Die Übersetzerkolumne “Auf ein Wort” in der Zeitschrift ist jeweils auf der Website der Literaturübersetzer unter Feuilleton nachzulesen.

Bitte hier entlang zum Artikel Ach hätten sie doch Deutsch gelernt … im Juniheft.

Der Inhalt des Artikels ist übrigens nicht identisch mit meinem o. a. Blogeintrag vom 8. Januar dieses Jahres, auch wenn heute wie damals die Fliegen starben wie die Fliegen. (Das klingt jetzt einen Tick dramatischer als “… die Fliegen wie die Fliegen starben”. Oder?)

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