Wer bislang davon ausging, dass die Erfindung des Buchdrucks vor allem der Verbreitung von Erbauungsliteratur (sprich der Lutherbibel) zugute kam, muss vielleicht umdenken. Zitat:
So wirt in Frankfurth seyt jar und tag eyne schwartze Mess gefeyert, welche Puchmess geheyszen izt. So seyt mir nimant etwas gegen eyn fromm Püchlein, das mit Zihtaten und Sprichwortten gepfeffert izt. Doch diser Pücher sint lützel, da vorzuhglich Lugen-Kram vnd Teuffelsdreck gedrucket wirt. So iszt viel Püchel voll mit lustigen Brunsten, Sehnungen, Eyfersüchten, Butzwerck, Hahnreden, Hinter-Thür-und-Fenster-Visiten, Verzweifflungen, Seestürm, Gefangenschafften, Warsagerey vnd allen garstig Fluch vnd Possen, die gottlose Schreyberling mit Dinte auf Pergamentum brunzzen.
Aus: Vom Puch vnd dem Paradeyse von Docktor Martin Luther
Mehr in NZZ Folio 12/97 – Thema: Die Schöpfung
O tempora, o mores
! Bzw. Sodom und Gomorrha. Damals wie heute. Plus ça change, plus c’est la même chose. Doch dürfte dem ehrenwerten “Docktor” beim Übersetzen auch aufgefallen sein, dass die Schilderungen von “Brunsten, Sehnungen, Eyfersüchten, Seestürm” usw. auch seinen Originaltext (vermutlich sehr zu Nutz und Frommen seiner Zielgruppe) aufgepeppt haben. Kein Wunder, dass eine deutsche Übersetzung bis dahin von Amts wegen gar nicht erwünscht war.

